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To Rome With Bike – Etappe 3 – Von verlorenem Trockengut und Filettascherln 9. Juli 2013

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Etappe 3 – Von verlorenem Trockengut und Filettascherln, Route: Havlickuv Brod (Tschechien) nach Horn (Österreich), (380 km Gesamt)

Um fünf Uhr früh bin ich schon wieder wach – dabei wollte ich doch erst nach sechs aus den Federn. Nach zwei, dreimal Umdrehen wache ich zehn vor sieben wieder auf – na toll. Kurzes Wachduschen und dann stehe ich pünktlich 7 Uhr zum Frühstück bereit. Es gibt Brötchen mit diversem Belag und Cornflakes/Müsli. Da es zuckergebackenes Granola gibt, fällt mir die Wahl leicht. Den mutmaßlichen Orangensaft lasse ich nach kurzer Kostprobe stehen, schmeckt doch einfach zu seltsam. Zum Schluss überlege ich noch, ob ich eine Banane oder einen Apfel aus dem Obstkorb mitnehmen soll. Bisher hatte ich ja fast nur Brot und Wurst gegessen. In meinem Kopf spielen sich gerade Szenen aus dem Leben eines Ex-Kollegen ab, dessen Mitbewohner sich monatelang nur von Waffelteig ernährt hat und bei dem dann der Arzt Skorbut festgestellt hat. Ich entscheide mich schließlich für den Apfel, der ist saftiger und hält den beengten Räumlichkeiten in meinen Packtaschen besser stand.

Punkt 8 Uhr fahre ich los, diesmal sollen es 130 Kilometer werden, die mich ein gutes Stück hinter die österreichische Grenze führen. Aber oh weh – wie der letzte Tag aufhörte, so geht es nun weiter. Die ersten 50 Kilometer komme ich nur im Schneckentempo voran und bin schon ziemlich fertig. Hinzu kommt, dass meine geliebte B38 ab nun in eine E59 umgewandelt wird. Die sieht jetzt schon sehr wie eine Autobahn aus, mit Trennung in der Mitte und schnellem Verkehr. Immerhin gibt es noch einen breiten Randstreifen. Und eine große Baustelle, wo der Verkehr auf die andere Seite gelenkt wird. Nur eine Spur und kein Randstreifen – da fahre ich lieber durch die Baustelle. Geht auch ziemlich gut =) Dennoch ist mir das Ganze zu heiß und so nehme ich ab der nächsten Ausfahrt eine ruhigere Route. Die ist gar nicht so leicht zu finden und sehr hügelig. Ich verfluche still denjenigen, der mir meine B38 weggenommen hat und denke sehnsüchtig an eine elegante Route zwischen den ganzen Bergen, die ich nun nicht mehr fahren kann. Aber es hat auch sein Gutes: es gibt wenig Verkehr. Also wirklich wenig. Am Sonntag scheint allgemein sehr wenig los zu sein, auch auf der E59, aber abseits davon trifft man kaum mal ein Auto. Nach etwa 20 km komme ich an ein Baustellenschild, man möge doch über einen Ort im Westen fahren. Das würde mich zurück auf die E59 führen und noch 15 km Umweg bescheren. Mit dem Mut der Verzweiflung fahre ich in Richtung Baustelle – als Fahrradfahrer kann man sich ja oft durchmogeln. Und tatsächlich: man kann sogar ganz regulär durchfahren, nur eine Baustellenampel wartet auf mich. Ich bin erleichtert und gleichzeitig empört. Interessant: nach Ende der Baustelle wird die Straße erstmal RICHTIG schlecht. Kilometerlang. Bei der nächsten Baustelle mache ich schließlich das Gleiche, ebenfalls mit Erfolg. Von nun an lasse ich mich durch keine Baustelle mehr aufhalten.

BildHier ein kleiner Einschub: für den Radfahrer ist es wichtig, sein Sachen immer zu waschen (länger als 2 Tage benutzen geht echt nicht – salziger Schweiß reibt unangenehm!). Allerdings noch wichtiger ist es, mit trockenen Sachen wieder loszufahren. Zumindest für die Hose gilt das, beim Trikot darf man schummeln. Wer mit nasser/klammer Hose fährt, hat alsbald kein Sitzfleisch mehr. Alles eigene Erfahrung. Schwierig ist nun, die Sachen nach der abendlichen Wäsche bis zum Morgen trockenzukriegen. Ohne ordentliche Wäscheleine oder Hilfsmittel geht da allerdings wenig. Also Ersatzhose mitnehmen und wechseln! Und die klamme Hose vom Vortag während der Fahrt weiter trocknen. Klappt super – wenn die Hose richtig am Fahrrad befestigt ist. Falls nicht, dann verliert man sie garantiert am Fuße eines überaus garstigen Berges und bemerkt den Verlust nicht eher als am Gipfel desselben. Ich lerne heute, dass die Einklemmmethode nicht 100% zuverlässig ist und werde künftig auf die Gepäckband-durchziehen-Methode umsteigen. Die Hose habe ich natürlich wieder eingesammelt, getreu dem Motto „wir lassen keinen zurück“. Sie baumelte dann fröhlich an einem Maschendrahtzaun, wo sie ein guter Mensch hingehangen hatte. Dafür war sie jetzt trocken.

BildAber weiter auf der Straße: In Jemnice stoße ich schließlich auf einen großen Radweg: von Prag nach Wien. Perfekt. Den fahre ich auch bis zur Grenze (endlich mal was ordentlich ausgeschildert in Tschechien!), danach nimmt meine Route einen anderen Weg. Zumindest nehme ich das an, denn es ist dann nur noch ein anderer Weg angezeigt. Österreich empfängt mich freundlich – direkt am Grenzübergang wachsen reife Kirschen! Auch später gibt es immer mal Kirschen am Wegesrand, die meinem ausgetrockneten Gaumen köstlich munden. Allerdings gibt es auch garstige Fliegen – vermutlich weil sie hier nicht so viel mit Gift arbeiten, denke ich. Jedenfalls verfolgen die einen hartnäckig und schwirren um einen herum, so dass ich ständig fürchte, mit dem nächsten Atemzug eine Portion Chitin zu mir zu nehmen. Ab Tempo 25 können sie nicht mehr mithalten, aber wenn man das nicht lang genug durchhält, kommen sie hinterher. Ziemlich effektiver Motivator. Einmal erschrecke ich sehr, weil unmittelbar am Wegesrand zwei wilde Perlhühner aufgescheucht davonflattern. Von den Autos zuvor haben sie sich nicht schrecken lassen. Naja, so ein durchgeschwitzter Fahrradfahrer kann schon sehr furchteinflößend sein, denke ich mir.

BildZuletzt komme ich im Gasthof zur Eiche in Maria Dreikirchen an. Klingt schrecklich religiös und ist es auch. Es gibt hier eine riesige Basilika, diverse Merchandising-Stände und Busse voller älterer Menschen. An der zuvor herausgesuchten Unterkunft flattert ein „Zimmer frei“-Banner. Der Wirt scheint mir jedoch recht abweisend und wortkarg. Und das Zimmer ist 10 Euro teurer als im Internet angepriesen. Ich bin zwar lange nicht so fertig wie gestern, habe aber keine Lust mehr, weiterzusuchen und nehme es zähneknirschend hin. Übrigens war schon die letzte Unterkunft ein gutes Stück teurer als zuvor ausgewiesen. Offenbar hat das Geschäftsmodell Mode. Als ich nach der Dusche rüberkomme, um zu Abend zu speisen, fragt mich der Wirt ob’s denn „noch was zu Abendessen“ sein soll. Ich bejahe, dabei beschleicht mich anhand seines Tonfalls der Verdacht, dass ein Abendessen halb 7 in Österreich als verachtenswert gilt. Glücklicherweise kommen aber doch noch andere Gäste. Ich nehme die Schwammerlsuppe mit Speckknödel (gut) und – jetzt kommt’s – die Filettascherl mit Schwammerln und Spätzle. Das Gefühl, das ich dabei habe, ist wie in Hong Kong etwas zu essen zu bestellen. Keine Ahnung, was mich erwartet, aber es kann ja so schlecht nicht sein. Immerhin wirbt der Gasthof mit zahlreichen Qualitätsauszeichnungen. Das Gericht entpuppt sich als mit Pfifferlingen gefülltes Fleisch – ähnlich einer Roulade, nur simpler – und schmeckt sehr gut. Nachtisch schaffe ich diesmal keinen. Ach und dann kann ich dem Wirt doch noch ein kurzes Lächeln entlocken: als ich ca. 2 Minuten nach meinem Halbliterglas Cola ein weiteres bestelle. Frühstück gibt’s übrigens morgen wieder ab 7 – „damit der Tag noch lang ist, was?“. Offenbar ist es doch ein ganz netter Kerl. Ach und Internet hat‘s hier auch. Wobei ich nicht weiß, ob das offene Netz „Leopold“ tatsächlich vom Gastbetrieb oder der Umgebung ist =)

Die Route ist hier zu finden http://www.bikemap.net/de/route/398517-route-du-sud/#/z5/46.46813,13.40332/Terrain

Text: +Matthias Niederhausen

via Wolfgang Niederhausen

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